Erwachstum

Lob des analogen Schreibens

Warum und wie ich vorrangig mit Notizbuch und Stift arbeite


Die Arbeit von professionellen KĂŒnstlern – Maler, Designer1, Architekten, Bildhauer – beginnt oft in einem Skizzenbuch: Die ersten Skizzen behandeln die groben Konturen, die ungefĂ€hre Anordnung, die grundsĂ€tzliche Idee. Es wird viel herumprobiert und wieder verworfen; dieser Teil des kreativen Prozesses wird meist niemandem gezeigt, daher spielt Perfektionismus auch keine Rolle. Die Erarbeitung der Formen ist spielerisch und chaotisch, ohne jeden Anspruch auf Brauchbarkeit.

Ist die ungefĂ€hre Idee eingegrenzt, folgt die Verfeinerung — auch das oft immer noch im Skizzenbuch. Jetzt werden genaue Proportionen und Formen ausgearbeitet; die genauen Konturen werden erkennbar.

Erst nach einigen DurchgĂ€ngen des Erarbeitens und Überarbeitens verlĂ€sst der Kreativschaffende den geschĂŒtzten, wertungsfreien Raum seines Skizzenbuches und beginnt das eigentliche Kunstwerk. Auch in dieser Phase sind noch Abweichung von den letzten Skizzen möglich; Essayisten und Schriftsteller werden beispielsweise gelegentlich davon ĂŒberrascht, dass sich ihr Text vor ihren Augen zu verselbststĂ€ndigen scheint, eine Art Eigenleben entwickelt.2 Aber im Grundsatz ist das angedachte Ergebnis zu diesem Zeitpunkt so ausgiebig in den Seiten des Skizzenbuches erkundet und ausgeschĂ€rft worden, dass bei der Erstellung des eigentlichen Kunstwerkes nur noch sehr wenig dem Zufall ĂŒberlassen bleibt.

Die zentrale These dieses Textes lautet: Ein analoges Notizbuch fĂŒr Schreibende kann fĂŒr die Erstellung umfangreicher Texte das sein, was fĂŒr die Erschaffung eines Bildes auf Leinwand oder das Design eines GebĂ€udes das Skizzenbuch ist.3

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Ein solches Skizzenbuch fĂŒr Texte — international „Writer‘s Notebook“ genannt — bietet einige deutliche Vorteile gegenĂŒber vorrangig digitalen schreiberischen ArbeitsablĂ€ufen.

“Das Skizzenbuch macht eine Menge fĂŒr dich, aber nichts mit dir.”
— Andrew James 4


Vorweg aber folgende Klarstellungen:

  1. Unter „analogem Schreiben“ stellt sich der eine oder die andere womöglich vor, dass ganze Artikel oder gar Buchmanuskripte komplett handschriftlich verfasst werden. Es gibt Autoren, die das tatsĂ€chlich bis heute so praktizieren (beispielsweise der Fantasy-Autor Neil Gaiman oder der Poet und Essayist David Whyte). Ich meine damit aber vor allem das Anfertigen handschriftlicher Notizen und sonstiger Kritzeleien sowie erster Formulierungen von Text-Passagen mit Stift und Papier.

  2. Ich bin ein großer Fan digitaler Produkte — in meinem Fall v.a. Obsidian, Readwise und OneNote — und ermuntere jeden, mit viel Herumexperimentieren seinen persönlichen Workflow zu entwickeln. Ich bin nur ein noch grĂ¶ĂŸerer Fan von analogen Produkten — aus den folgenden GrĂŒnden:

Denken durch den Stift

Ich habe schon lange eine gewisse Grundbegeisterung fĂŒr schöne Schreibwaren — insbesondere fĂŒr NotizbĂŒcher. Seit 2019 nutze ich Bullet Journals fĂŒr eine Mischung aus Tagebuch, Reflexionspraxis und Aufgabenmanagement. Aber ich habe parallel immer auch Handy und Computer genutzt, um meinen Alltag zu bewĂ€ltigen.

Nun aber, wo im Zusammenhang mit meiner schreiberischen TĂ€tigkeit das grĂŒndliche, methodische und ergebnisorientiere Denken, das konzentrierte Arbeiten mit Ideen und Konzepten, mit Literatur und Struktur, aber auch das gezielte Produzieren von Texten zwischen den Fristen dieses Newsletters zu einem bedeutsamen Teil meines Alltags geworden ist, haben sich Handy und Computer zunehmend als problematische VerbĂŒndete erwiesen.

Insel der Ruhe

Jede Interaktion mit Handy oder Computer birgt das Risiko, auf mannigfaltige Art und Weise abgelenkt zu werden: Benachrichtungen irgendwelcher Apps, Eilmeldungen und Nachrichten, Dopamin-Spritzen von Instagram, TikTok & Co, Chatgruppen, Online-Diskussionen auf Twitter X, Handy- oder Computerspiele und vieles mehr zerren an unserer Aufmerksamkeit und halten uns von dem ab, was wir eigentlich erledigen wollen.

Ein Notizbuch oder ein Abreißblock fĂŒr To-Do-Listen tun das nicht. In Kombination mit Noise-Cancelling-Kopfhörern kann man sich schnell einen RĂŒckzugsraum zum Denken schaffen, in den der LĂ€rm der digitalen Außenwelt nicht hineinreicht. Der Effekt fĂŒhlt sich manchmal an wie ein Spaziergang in menschenleerer Natur, ohne MotorengerĂ€usche oder zivilisatorische GerĂŒche im Kontrast zum StraßenlĂ€rm einer Großstadt. Plötzlich kann das Gehirn durchatmen; die Reizarmut legt kognitiven Raum, den Ideen fĂŒllen können.

NatĂŒrlich kann man auch am Handy oder PC eine Ă€hnlich ablenkungsfreie Arbeitsumgebung schaffen — aber dafĂŒr muss man immer erst einmal aktiv gegen das GerĂ€t vorgehen, muss die Ablenkungs-BemĂŒhungen der Technik-Konzerne abblocken und die Disziplin aufbringen, die einmal geschaffene Ruhe nicht wieder zugunsten von einem schnellen Computerspiel oder einem kurzen Blick ins soziale Netzwerk aufzuweichen.

Ein Notizbuch hat einen eingebauten, nicht löschbaren und zu 100% zuverlÀssigen Ablenkungsfilter.

Daneben ist man mit einem Notizbuch nicht auf Strom, Software oder WLAN angewiesen, muss keine Angst vor Hackern haben und sich nicht um Datenschutz sorgen. Man kann einfach schreiben.

“Die Leute sagen, es sei gut, vom Bildschirm wegzukommen. Aber niemand sagt, es wĂ€re gut, von Stift und Papier wegzukommen.”
—Andrew James 5

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Energie-Einsatz am Anfang oder Ende?

Das Ausarbeiten von ersten Ideen, Gliederungen, Formulierungen und Argumentationsketten auf Papier erscheint — jedenfalls im Vergleich zur Arbeit auf einer Computertastatur — zunĂ€chst ineffizient: Man schreibt langsamer, man kann Fehler nicht einfach weglöschen, ErgĂ€nzungen lassen sich nicht einfach einfĂŒgen, das Verschieben von ganzen Textpassagen ist grundsĂ€tzlich unmöglich.6

Aber gerade diese Ineffizienz sorgt dafĂŒr, dass das Schreiben nicht einfach nur die Dokumentation des Denkprozesses bleibt, sondern Teil des Denkens wird. Der Stift macht ganz andere Ausdrucksformen zugĂ€nglich, die einem an der PC-Tastatur vorbehalten bleiben: Kurze Zeichnungen und Skizzen, Symbole, Hervorhebungen, Linien und Pfeile holen das Denken mit der Hand (Motto meiner Lieblings-Notizbuch-Marke Leuchtturm1917) sehr viel nĂ€her an den chaotischen, nicht-linearen Denkspiralen, die unser Gehirn dreht, wenn wir ein Thema mit uns selbst erörtern.

In der Ratgeber-Literatur fĂŒr Eltern findet man immer sinngemĂ€ĂŸ immer wieder folgende Aussage: Entweder investierst du am Anfang sehr viel Energie und hast es am Ende leicht, oder du machst es dir am Anfang leicht und investierst am Ende viel Energie.

Ich habe die Theorie, dass es mit dem handschriftlichen Erarbeiten im Kontrast zum digitalen Schreiben Ă€hnlich ist: Mit dem Konzipieren erster Ideen, Konzepte, Szenen, Formulierungen etc. von Hand nimmt man einige Denkarbeit vorweg, die beim rein digitalen Arbeiten bei den ersten Überarbeitungen passieren muss. Das muss nicht schlechter sein, aber wie eben angedeutet, habe ich zunehmend den Eindruck, dass es anders geschieht.

Das analoge Skizzieren und Entwerfen ist daher, so meine Vermutung, tatsĂ€chlich gar nicht wirklich ineffizient, sondern bietet eine versteckte Effizienz: Setzt man schließlich zum finalen Niederschreiben des eigentlichen Textes an, braucht man — Ă€hnlich wie der KĂŒnstler oder Architekt, der vom Sketchbook an den Computer wechselt — weniger Überarbeitungs-Runden, um ans selbe Ziel zu kommen.

DarĂŒber hinaus arbeitet man auf diese Weise auch auf der Grundlage einer grĂŒndlicheren, mehrdimensionalen, loseren Denkarbeit — und kommt damit nĂ€her an das Bestmögliche heran, das man zu produzieren in der Lage ist.7

Man denkt in Schreibgeschwindigkeit — und schreibt in Denkgeschwindigkeit.


Genuss als Motivator

Auf Instagram, Pinterest, YouTube und anderen Internet-Ecken der schönen Bilder findet man unzĂ€hlige Aufnahmen von Sketchbooks, Bullet Journals und Pocket Notebooks. Sie werden abfotografiert, vor laufender Kamera mit neuen Inhalten befĂŒllt oder nach Fertigstellung durchgeblĂ€ttert.

Habt ihr schon mal ein Video gesehen, auf dem jemand stolz seine digitalen Obsidian-Notizen oder sein chaotisches Word-Dokument durchscrollt? Genau.

Zur Wahrheit gehört: Das Arbeiten in guten NotizbĂŒchern und Stiften bereitet einfach Freude. Wenn man zunĂ€chst einfach nur irgendwelche billigen Artikel verwendet hat, um sich auszuprobieren — wozu ich fast immer raten wĂŒrde — sorgt der Umstieg auf einen ordentlichen Stift sowie gutes Papier in einem hochwertigen Notizbuch fĂŒr einige GlĂŒcksgefĂŒhle.

Das Knistern der Notizbuchseiten; die leichten Wellen, die sie nach mehrfachem Anfassen werfen; eingeklebte Post-It-Zettel, herausgerissene und eingeklebte Seiten aus einem anderen Notizbuch — ein Writer‘s Notebook verspricht, ein Unikat zu werden, wo der Computer nur eine Textdatei anbieten kann.

Diese haptische und Ă€sthetische Seite des analogen Arbeitens spielt fĂŒr mich eine große Rolle. So merkwĂŒrdig das klingen mag, aber: Schon das DurchblĂ€ttern meines Journals und meiner NotizbĂŒcher bereitet mir Freude, was dazu beitrĂ€gt, dass ich tatsĂ€chlich sehr regelmĂ€ĂŸig darin blĂ€ttere und lese. Dadurch habe ich meine Notizen immer wieder vor Augen, kann neue VerknĂŒpfungen und ErgĂ€nzungen vornehmen und bin in stetiger Auseinandersetzung mit meinen dokumentierten Ideen.

Digitale Notizen haben dagegen die unerfreuliche Angewohnheit, unter dem Berg neuerer Notizen unterzugehen und nur noch selten wieder geöffnet und gelesen zu werden, solange man nicht gezielt sucht.

Dazu kommt: Beim Arbeiten in einem Notizbuch fördert man ein bestimmtes Selbstbild, ein Selbsterleben. Indem man bewusst Abstand nimmt von digitalen Versuchungen und Versprechungen, von Services, die einem das Denken abnehmen und das Schreiben erleichtern, entscheidet man sich gezielt fĂŒr mĂŒhsame, grĂŒndliche, eigenstĂ€ndige Denkarbeit.

Das soll nicht heißen, dass man es sich beim digitalen Schreiben einfach macht. Schreiben und Denken bleiben einem auch dort nicht erspart und sind auch dort nicht einfach.

Aber die Selbstwahrnehmung, die IdentitÀt, die man stÀrkt, wenn man nur mit einem Notizbuch und einem Kaffee in einem Park sitzt und nachdenkt, ist ein anderes, als wenn man in einem Café einen Laptop mit dem WLAN verbindet, die VPN aktiviert und direkt in den Substack-Editor schreibt.


Tipps und Techniken

Ich habe viel zu viele verschiedene NotizbĂŒcher und zu jedem davon zu viele Tipps, um hier ernsthaft in die Tiefe zu gehen. Aber im Zusammenhang mit dem hier beworbenen analogen Arbeiten an Texten möchte ich ein paar Empfehlungen mitgeben:

FĂŒr NotizbĂŒcher aller Art

1. Es ist ein Werkzeug, keine Reliquie. Wenn dich die QualitĂ€t oder der Preis davon abhalten, einfach drauflos zu schreiben, dann entperfektionalisiere das Notizbuch zunĂ€chst: Klebe Sticker vorne drauf; schĂŒtte ein paar Tropfen Kaffee auf die nutzlose dicke Karton-Seite ganz vorne, und lass sie eintrocknen; schreib deinen Namen vorne rein und gib dem Notizbuch gleich auch einen.

2. Starte an beiden Enden. Es finden sich viele kreative oder praktikable AnwendungsfĂ€lle, in denen man das Notizbuch einfach von beiden Seiten beginnt. Ich fĂŒhre meine Aufgabenliste im BĂŒro beispielsweise in einem Notizbuch: Vorne die Aufgaben mit den wichtigsten Daten, hinten auf nummerierten Seiten ausfĂŒhrlichere Informationen, auf die ich verweisen kann.

Apropos:

3. Nutze VerknĂŒpfungen. Sowohl Eintragungen auf einer Doppelseite als auch verschiedene Seiten können mithilfe passender Symbole miteinander verknĂŒpft werden. Auf einer Doppelseite nutze ich eingekreiste Kleinbuchstaben, verschiedene Seiten verbinde ich mit Pfeilen und eingekreisten Seitenzahlen. Hier ein Beispiel aus meinem Writer‘s Notebook:

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Writer‘s Notebook und Universal-NotizbĂŒcher

Sowohl fĂŒr das „Skizzenbuch fĂŒr Schreibende“, das ich weiter oben beworben habe, als auch fĂŒr sogenannte catch-all-NotizbĂŒcher — meistens kleine A6-Notizhefte, die man fĂŒr schnelle Notizen aller Art griffbereit hat — habe ich einen besonders wichtigen und vielleicht ungewöhnlichen Tipp:

Notizen nur auf einer Seite. Die andere Seite frei lassen fĂŒr

Das wirkt zunĂ€chst wie Platzverschwendung, macht sich aber schnell bezahlt, wenn man dieselben Notizen — idealerweise ausgestattet mit einem Textmarker und/oder einem Stift in einer anderen Farbe — immer wieder durchblĂ€ttert und sich in Erinnerung ruft: Plötzlich werden mögliche VerknĂŒpfungen mit neueren Inhalten erkennbar, es tauchen neue Fragen auf usw.

In diesem Zusammenhang rate ich auch dazu, sich eine persönliche Legende mit Symbolen, AbkĂŒrzungen o.Ă€. zurechtzulegen. Insbesondere braucht man ein Zeichen dafĂŒr, dass man irgendetwas spĂ€ter recherchieren muss. So kann man „Ah, das muss ich noch nachlesen“-EinfĂ€lle, die einem wĂ€hrend des Nachdenkens ĂŒber den Text kommen, einfach auf die freie rechte Seite schreiben und mit der Recherche-Markierung versehen, dann aber sofort wieder zum eigentlichen Thema zurĂŒckkommen.

Falls du Lust bekommen hast, endlich eins der NotizbĂŒcher in Benutzung zu nehmen, die seit Ewigkeiten im Regal einstauben: Gern geschehen. Dein Gehirn wird es dir danken.

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Fußnoten

  1. Hier und hier zwei anschauliche Beispiele aus der Writers & Thinkers-Serie von Leuchtturm1917

  2. In professionellen Kreisen werden Autoren, die ohne vorherige Grobplanung schreiben, sondern sich von ihrer eigenen Geschichte ĂŒberraschen lassen, „discovery writer” genannt.

  3. Die Inspiration hierfĂŒr stammt aus dem Text „The Nonwriter‘s Guide to Writing A Lot“ von James Horton. in dem er mit der folgenden Metapher versucht, Schreibenden die Idee auszutreiben, ein Text mĂŒsse in einem Anlauf geschrieben werden:

  4. Original-Zitat aus “Love Letter To Sketchbooks”: “The sketchbook does a lot for you, but nothing to you.”

  5. Original-Zitat aus “Love Letter To Sketchbooks”: “People say it’s good to get away from the screen, but no one says it would be good to get away from pen and paper.”

  6. NotizbĂŒcher mit gelochten Seiten wie dieses machen es möglich.

  7. Zur Klarstellung: Ich glaube, dass es fĂŒr diese mehrstufige Erarbeitung von Inhalten irgendeine Form von kreativer, spontaner, anregender Externalisierung braucht. Das leisten wahrscheinlich aber auch Unterhaltungen oder Sprachnotizen an sich selbst oder digitale Sketchnotes.

#Analog #Schreiben. Notizen